Tag 1 - Der Einzug

03. April 2026 - Am frühen Morgen des Karfreitages 2026 betrat ich mit noch schläfrigen Augen das Wohnzimmer. Mein Blick schweifte wie so oft nach draussen zum Balkon, um das Wetter zu prüfen. Etwas war jedoch anders als all die Morgen davor. Da lag Erde auf dem Balkonboden. "Was ist denn da los?" dachte ich bei mir, öffnete die Tür und trat mit blanken Füssen auf die kalten Platten des Balkons. Die Augen noch von der Lichtflut gepeinigt, bewege ich mich Richtung Geländer. Was war die Ursache für die Erde auf dem Boden? Vielleicht die Mieter über mir, die ihre Pflanzen umgetopft haben? Vielleicht...

Schock! Irgendetwas ist gerade unmittelbar vor mir aufgeschreckt und hat sich mit viel Wind und Getöse aus dem Pflanzkasten vor mir erhoben und ist davon geflattert. Mein Hert ist in die Hose gefallen! Ich stand da wie versteinert.

Einatmen, ausatmen! Und gleich nochmal. Ein Ei. Da liegt ein Ei in dem am Balkon hängenden Pflanzkübel! Es sah aus wie das Ei einer Stockente. Aber das kann doch nicht sein. Im dritten Stock? Nein. Ganz sicher nicht. Aber es lag da. Mehr als nur drei Fragezeichen standen mir ins Gesicht geschrieben.

Tag 2 - Bekanntmachung

An diesem Morgen galt mein erster Blick nicht dem Wetter, sondern dem Pflanzkübel.
Die Ente sass darin. Schaute raus auf die für eine Stadt doch stattliche Grünfläche mit dem grossen Baum.
Meine Sorge, dass sie das Ei zurücklässt und sich für die weitere Ablage einen ungestörteren Unterschlupf suchen würde, bestätigte sich damit nicht.

Ich öffnete die Tür, trat langsam hinaus und liess mich vorsichtig und leise auf der Sitzbank nieder, welche nur einen Meter vom Nest der Ente entfernt steht. Sie schaute mich an, beobachtet mich und hatte scheinbar etwas Hemmungen sich mir vorzustellen. Also musste ich wohl den Part übernehmen und uns bekannt machen.

"Soso, Vesna - Vesna Balkonova. Interessanter Name". Ich sicherte ihr zu, dass sie gerne bleiben dürfe, aber ich hier auch wohne und viel Zeit auf meinem grünen Balkon verbringen werde. Sie hatte nichts dagegen. Hätte sich auch mal wagen sollen!

Ich teilte ihr noch ein paar Regeln für ihren Aufenthalt mit: Kein Dreck, kein Gestank, kein Geschrei!
Nachdem ich ihr von dem asiatischen Restaurant in der benachbarten Strasse berichtet hatte, schluckte sie kurz und willigte ein.

Ab da war unsere Freundschaft besiegelt.

Tag 3 bis 9 - Jeden Tag ein Ei

Vesna ist eine fleissige Ente. Jeden Morgen kommt sie zurück zu ihrem Nest und legt ein weiteres Ei ab. Ich hab mich echt gefragt wo sie die Eier alle unterbekommt, also zum einen in sich slebst und zum anderen in ihrem Nest. Denn Enten legen bis zu 15 Eier. Fünfzehn. Absolut irre!

Den ganzen Tag über gab es dann Nestwache und Ausbau. Hier wurden Pflanzenteile herausgerupft, da wurde Erde entfernt und dort wurde ein altes Pflanzschild als Windabweiser platziert. Dabei blieb immer das Umfeld im Blick der besorgten Mutter. Permanent hielt sie ausschau nach Greifvögeln oder ihrem seltsamen Mitbewohner, der sich auf der Bank mit dem Abendessen und einem kühlen Bier platziert hatte, um ihr Treiben genüsslich zu beobachten.

Vesna liess mich immer mehr in ihre Nähe. Bald hielten wir Seite an Seite gemeinsam Ausschau nach den Greifvögeln oder vertrieben die friedlichen, aber frechen Spatzen. In unserem Quartier kreisen öfters Rotmilane, welche sich sicher über eine Mahlzeit auf Basis Enteneier gefreut hätten. Durch das Herauskurbeln der Markiese konnte ich das Nest aber gut vor den Milanblicken schützen und Vesna den Aufenthalt in ihrer WG auf Zeit etwas angenehmer gestalten. So war sie auch besser  vor Wind und Regen geschützt.

Kurz vor Einbruch der Dämmerung begann die sonst so gemütliche Vesna ihren Hintern in die Höh' zu strecken und die gelegten Eier auszuricthen. Anfangs bedeckte sie diese immer mit etwas Laub, bevor sie sich kurz vor Dämmerungseinbruch zur Selbstversorgung richtung See aufmachte.

Morgens galt mein erster Blick immer Vesna. Sie sass dann wieder in ihrem Pflanzkübel und schaut zufrieden drein. Wir verbrachten viel Zeit gemeinsam auf dem Balkon, vertanden uns prächtig und tauschten so manchen Quak aus.

 

Tag 10 - Die Brutphase

Nun blieb Vesna über Nacht. Sie wollte gar nicht mehr das Nest verlassen und begann sich unter den Deckfedern kleine Daunen aus der Brust zu rupfen, um diese rund um sich herum abzulegen. Sie verbreiterte ihre Brutfläche und erhöhte die Isolation für die nun Dauerbebrüteten Eier. Neun Stück hatte sie gelegt und war bereit diese auszubrüten. Ausser für einen kurzen Positionswechseln bewegte sie sich kaum. So durfte all ihre wundervollen Ansichten kennen lernen.

Ich fragte mich wie sie sich jetzt ernährt. Etwas zu Essen und Trinken braucht sie doch. Nach zweieinhalb Tagen flog sie das erste mal wieder für eine Stunde davon, um sich zu versorgen.
Die nächsten Woche unterstützte ich sie nicht nur mental, sondern gab ihr ab und zu ganz wenig Futter und stellte ihr einen kleines Gefäss mit Wasser hin. Die Veränderung am Nest war ihr nicht recht. Sie plusterte sich auf und atmete aufgeregt. Aber es dauerte nicht lange, dann nahm sie das Wasser und die wenigen Haferflocken dankend an. So musste sie nur noch ganz selten ihr Gelege alleine lassen und konnte sich auf das Ausbrüten konzentieren.

Tag 42 - Der Auszug

07. Mai 2026 - Es kommt Bewegung in die Bude. Die geschlüpften Küken werden aus dem Nest gelockt. Ihr Lockruf ist nun immer häufiger im Nest zu hören und 9 kleine Piepmätzchen machen das was sie am besten können: Piepen!