Tag 42 - Der Auszug


08. Mai 2026 - Der große Tag kam dann doch schneller als erwartet.

Auf der Wiese unterhalb des Balkons hatte sich eine kleine Versammlung gebildet. Vesna versammelte ihren Nachwuchs und ich spurtete durchs Treppenhaus nach unten.

Kaum angekommen, stellte sich die alles entscheidende Frage: Geht es Richtung See oder doch zum Rhein? Vesna zögerte keine Sekunde. Richtung Rhein soll es gehen. Wahrscheinlich hatte sie während während der langen Bruttage längst einen Routenplan erstellt – inklusive Zwischenstopps und Gefahrenanalyse.

Auf geht's!

Was folgte, war weniger ein gemütlicher Spaziergang als vielmehr ein Hindernisparcours. Zäune, Mauern, Absperrungen  und Strassen – alles, was man sich als frisch geschlüpfte Entenfamilie nicht wünscht, war vorhanden.

Am ersten Maschendrahtzaun wurde es ernst. Vesna suchte einen Weg, fand aber keinen. Also griff ich ein, hob den Draht des Zaunes am unteren Ende beherzt an und ermöglichte ihr so darunter hindurchzuschlüpfen. Die Küken? Die spazierten einfach durch die Maschen hindurch als wäre nichts.

Weiter ging’s.

Dann die Teerstraße. Für mich ein paar Schritte – für die Küken eine mehrspurige, lebensgefährliche Wüste. Ich führte die Reisegruppe über den Randstreifen, sicherte ab, und gemeinsam ging es Richtung Schrebergärten.

Vorbei an erstaunten Gärtnern, die hilfsbereit Wasser anboten und Wege und Tore öffneten, schaffte es die Truppe immer weiter in Richtung des kleinen Baches, der in den Rhein mündet. Ich muss einen recht überzeugenden Eindruck bei den Gartenbesitzern gemacht haben – oder einfach sehr entschlossen gewirkt haben mit einer Ente und neun Küken im Schlepptau.

Ein kleines Küken fiel dabei immer wieder zurück. Ein verkümmerter Fuß machte ihm das Vorankommen schwer. Es kämpfte, wackelte, verhedderte sich in Grasbüscheln – und wurde schließlich tatsächlich von der Gruppe zurückgelassen.

Aber nicht von mir.

Ich hob es vorsichtig auf und trug es hinterher, bis wir wieder aufgeschlossen hatten. Vesna nahm es kommentarlo hin – wahrscheinlich hatte ich mich inzwischen als Ersatzvater qualifiziert.

Und dann, endlich: das ersehnte Wasser.

Kaum angekommen, gab es kein Zurückhalten mehr. Eines nach dem anderen glitten die Küken ins Wasser, als hätten sie nie etwas anderes getan. Sie schwammen, tranken, piepsten zufrieden und erkundeten ihren neuen Lebensraum.

Ich blieb noch eine Weile am Ufer sitzen und sah ihnen zu.

Dann verabschiedete ich mich leise, wünschte ihnen ein langes, sicheres und möglichst zufriedenes Entenleben – und machte mich langsam wieder auf den Rückweg.

Mein Balkon ist nun wieder leer und irgendwie ist er auch nicht mehr derselbe.

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